Kinky heißt Tabu

In dem Kurs auf dem New Healing Festival fiel ein Wort, bei dem vermutlich alle im Zelt zuerst dasselbe dachten: Lack, Leder, Fesseln, Dominanz. Ulrike Schulz hat es anders benutzt, und diese Verschiebung hat uns seither nicht losgelassen.

Nicht die Praktik, sondern die Grenze

In Jaiyas Modell der Erotic Blueprints beschreibt „kinky“ kein Repertoire, sondern eine Beziehung zum Tabu. Die Frage ist nicht, was jemand tut, sondern was für ihn als nicht vorgesehen gilt — und ob er darüber sprechen kann. Was ein Tabu ist, hängt an Herkunft, Familie, Religion, Prägung, und es kann sehr klein sein. Für die eine ist es der Ort. Für den anderen ist es etwas, das nie den Kopf verlässt und auch nicht soll.

Damit verschiebt sich die ganze Sache. Aus einer Frage nach Ausstattung wird eine Frage nach Sprache.

Die verletzliche Stelle

Ulrike hat betont, worauf es dabei ankommt, und es war nicht das, was wir erwartet hatten. Nicht Technik, nicht Sicherheitswort, sondern Vertrauen und die Fähigkeit, einen Raum zu halten. Wer ein Tabu ausspricht, macht sich angreifbar. Ein einziges Belächeln kann reichen, sagte sie, damit jemand nie wieder darüber spricht.

Dieser Satz hat uns am längsten beschäftigt, gerade weil er so klein ist. Es braucht keinen Übergriff, um eine Tür zu schließen. Ein Zucken im Gesicht genügt.

Wie ernst sie das nimmt, war an ihrer eigenen Kursführung zu sehen: Sie hat den Raum ausdrücklich als geschützt erklärt, angeboten, statt eines Tabus auch über eine Situation zu sprechen, in der man die eigene Grenze nicht gewahrt hat, und dazugesagt, dass sie niemanden über seine Grenze schieben will. Die Übung war eine Einladung, keine Aufgabe.

Die andere Hälfte des Neins

Bei uns gilt, wie wir es an anderer Stelle geschrieben haben, dass Nein eine vollständige Antwort ist. Das stimmt, und es ist trotzdem nur die halbe Bewegung. Ein Nein schützt die eine Person. Es sagt noch nichts darüber, was mit dem Wunsch der anderen passiert.

Ulrike hat dafür zwei Sätze nebeneinandergestellt, die man beide sagen kann: Ich höre dich in deinem Wunsch. Und: Für mich wäre das die Grenze. Die Formel ist unscheinbar und tut genau eine Sache, die im Alltag ständig misslingt — sie trennt die Ablehnung der Handlung von der Ablehnung der Person.

Sie nannte die beiden Seiten das Öffnen und das Raumhalten und benutzte dafür die Bilder Shakti und Shiva. Uns interessiert das Bild weniger als die Beobachtung darunter: Beides sind Fähigkeiten, und man kann in der einen geübt sein und in der anderen nicht.

Ein Einwand gegen uns selbst

Eine Formel ist leicht zu zitieren und schwer zu leben. Wir haben sie an einem Nachmittag gehört, nicht über Jahre geübt, und wir wissen nicht, wie sie sich anfühlt, wenn der Wunsch einen wirklich trifft.

Und noch etwas: „Tabu“ ist selbst ein sehr weites Wort. Es fasst zusammen, was verboten, was peinlich und was ungewohnt ist, und das sind drei verschiedene Dinge mit drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Möglicherweise gewinnt das Modell seine Klarheit dadurch, dass es diesen Unterschied verschluckt.

Die Frage, die bleibt

Was braucht ein Mensch, um zu hören, was er nicht erfüllen wird? Wir haben darauf keine fertige Antwort. Es ist aber die Frage, die uns aus diesem Kurs am längsten begleitet, und sie ist praktischer, als sie klingt — sie beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern an jedem Küchentisch.

Wer mag, findet unser Verständnis von Konsens ausführlicher an anderer Stelle. Und ansprechbar sind wir sowieso. 🤍