Dreimal derselbe Kurs – und warum uns das vierte Tier fehlt

Beim New Healing Festival im August standen über 500 Angebote im Programm. Wir sind dreimal in denselben Kurs gegangen: Qigong Dancing bei Long Ping, Mittwoch bis Freitag, jeden Vormittag im Tipi. Bei dieser Auswahl ist das keine Zufälligkeit, sondern eine Entscheidung – und sie hat sich gelohnt.

Vier Tiere, und was aus dem fünften wurde

Qigong Dancing ist Long Pings eigene Methode, kein traditionelles Qigong – das sagt sie selbst so. Die vorgegebenen Formen sind der Ausgangspunkt, sie geben Struktur und Sicherheit, und von dort geht es ins Freie und Tänzerische. Vier Tiere geben die Qualitäten vor: Bär, Kranich, Tiger und Schlange.

Ursprung ist das alte chinesische „Spiel der fünf Tiere“. Fünf sind es bei ihr nicht mehr – und die naheliegende Frage, welches denn weggefallen sei, hat eine schönere Antwort als erwartet: keines. Das fünfte ist bei ihr die Quintessenz, die sich aus der guten Mischung der vier ergibt, und sie nennt sie den Drachen. Ihre Schule heißt Friedlicher Drache. Das Tier, das alle anderen in sich vereint, ist bei ihr kein Übungsbild mehr, sondern das Ziel.

Drei Tage, drei Qualitäten

Die Tage bauten aufeinander auf, jeder trug ein anderes Tier, und die Übungen wurden komplexer. Am Mittwoch der Bär: stark und langsam, schwer im Stand. Am Donnerstag der Kranich: leicht, aufgerichtet, fast schwerelos. Am Freitag der Tiger: entschlossen, aus der Ruhe heraus plötzlich schnell. Manches haben wir für uns geübt, manches zu zweit – teils mit Berührung, teils als Spiegeln auf Abstand, und einmal als ganze Gruppe.

Ob ein Tier nun für Erde, Luft oder Feuer steht, ist übrigens unsere Lesart und nicht ihre Lehre. Long Ping spricht von den vier Elementen als Ganzem und beschreibt die Tiere daneben in ganz anderen Sprachen, etwa als Stabilität, Aufrichtung, Präsenz und Beweglichkeit. Wer sich für die Herkunft der Elementbilder interessiert, findet die Einordnung in unserem Wissensgarten.

Jedes Tier hat eine dunkle Seite

Der Satz, der uns am längsten beschäftigt hat, steht so auf ihrer Seite: Jedes Tierbild enthält Yin- und Yangaspekte, helle und dunkle Seiten. Ein Tier ist bei ihr keine reine Qualität. Übertragen auf Berührung heißt das: Feuer wärmt und verbrennt, Erde trägt und erdrückt, Luft ist frei und flüchtig, Wasser passt sich an und entzieht sich.

Das ist der Punkt, an dem so ein Bildsystem für uns brauchbar wird. Eine Qualität, die man erst im eigenen Körper gefunden hat, findet man leichter in der Hand wieder – ein Bär berührt anders als ein Kranich. Genau das nehmen wir gerade mit in unsere Arbeit. Wer die Bilder mitnimmt, nimmt aber die Schattenseite mit, und darüber zu sprechen gehört dazu.

Das vierte Tier haben wir verpasst

Die Schlange kam an unseren drei Tagen nur kurz vor. Der eigentliche Schlangentanz lag auf einem späteren Termin, und da saßen wir in einem anderen Kurs. So läuft das auf einem Festival: Man nimmt ein System unvollständig mit, und die Lücke ist ausgerechnet die Qualität, die die anderen zusammenbinden sollte – die geschmeidige, die sich anpasst.

Bleibt eine Frage, die wir noch nicht beantwortet haben, und wir stellen sie hier lieber offen, als sie uns schön zu reden: Wenn zwei Menschen dieselbe Sache „Feuer“ nennen, meinen sie dasselbe? Schon eine einzelne Lehrerin braucht mehrere Sprachen für dieselben vier Bilder. Trifft so ein System dann etwas Richtiges, oder ist es weit genug, dass jeder hineinlegt, was er sucht?

Wir denken darüber noch nach. Wenn ihr Lust habt, mitzudenken: an unseren Begegnungsabenden ist Platz für solche Gespräche, und schreiben könnt ihr uns ohnehin jederzeit. 🤍

Kommentare

Ein Kommentar zu „Dreimal derselbe Kurs – und warum uns das vierte Tier fehlt“

  1. […] der Tiger aus der Ruhe heraus plötzlich schnell, die Schlange geschmeidig. Darüber haben wir hier ausführlicher geschrieben – an dieser Stelle geht es um das, was danach […]